"Das magische Baumhaus" in Deutschland

Mary Pope Osborne tourt durch Europa. Familien-Welt-Redakteurin Susanne Schult traf die US-Amerikanerin, die mit dem "magischen Baumhaus" zur Bestseller-Autorin wurde, auf ihrer Lesereise durch Deutschland.

Die Menschen, die in der Lobby des vornehmen Hotels an ihr vorbeigehen, beachten sie kaum. Das Gesicht kommt ihnen nicht bekannt vor. Eventuell haben sie ihren Namen schon irgendwo einmal gehört. Kinder sind an diesem verregneten Vormittag in Hamburg nicht zu sehen. Ihre Reaktion wäre sicherlich eine andere gewesen, schließlich ist Mary Pope Osborne die Erfinderin der Kinderbuchserie "Das magische Baumhaus", die weltweit über 50 Millionen Mal verkauft wurde. Allein in Deutschland, wo es die Reihe seit 10 Jahren gibt, gingen bereits sechs Millionen Bücher über den Ladentisch.

Die Meinung der Kinder hat Gewicht

Eine europaweite Lesereise führt Mary Pope Osborne und ihren Ehemann, den Schauspieler Will Osborne, auch nach Frankfurt, Hamburg, Heidelberg und München. Zum ersten Mal ist das Künstlerpaar in Deutschland. Die Karten für die Veranstaltungen, auf denen auch der druckfrische 40. Band "Piratenspuk" am Mississippi" vorgestellt wird, sind heiß begehrt. Die Kinder hängen an den Lippen des Schauspielers Frank-Lorenz Engel, der auch für den Jumbo Verlag die Hörbücher der magischen Baumhaus-Reihe eingelesen hat. Und sie löchern die Schriftstellerin mit Fragen, wollen alles über der Geschwister Anne und Philipp wissen, die mit ihrem Baumhaus an jeden beliebigen Ort in jedes beliebige Jahr reisen können.

Und Mary Pope Osborne hört ihnen zu. Sie interessiert sich ehrlich für das, was die Kinder zu sagen haben. Bei der Vorbereitung zu dem Band "Abenteuer in der Südsee" beispielsweise hatte sie für die Handlung, die auf Hawaii spielt, ausbrechende Vulkane im Sinn. Ein Mädchen sah sie an und sagte: "Mary, das kannst du doch besser." Konnte sie und ließ stattdessen eine Flutwelle auf das Ufer zurasen. Ein anderes Mal gab der Vater eines jungen Lesers den Anstoß zu einer Änderung. Der Meeresbiologe sah den Entwurf für das Titelbild zu dem Band "Der Ruf der Delfine", auf dem die Hauptdarsteller Jack und Annie, wie sie im englischen Original heißen, sich an Leinen von zwei Delfinen ziehen lassen. Er erklärte der Autorin, wie sich die Kinder richtig ziehen lassen müssten, um den Meeressäugern keinen Schaden zuzufügen. Umgehend rief Mary Pope Osborne daraufhin ihren Verlag an und das Cover wurde geändert.

Bislang hat es jeder der Bände auf den Bestsellerlisten der Kinder- und Jungendbücher unter die Top 20 geschafft. Und wenn man die Begeisterung und die Leidenschaft erlebt, mit denen die Osbornes erzählen, dann gibt es keine Zweifel, dass sich das mit dem "piratenspuk am Mississippi" ändern wird.

Mehr als 500 Briefe erhält die Bestsellerautorin monatlich und beobachtet aufmerksam, an welchen Themen ihre jungen Fans interessiert sind. Auch auf ihren Lesereisen startet sie Umfragen und lässt abstimmen, worum es in ihren nächsten Büchern gehen soll: die ägyptische Königin Kleopatra, der chinesische Panda oder vielleicht der US-Präsident Abraham Lincoln? Die 61-Jährige, die selbst keine Kinder hat, lässt sich von dem inspirieren, was die Kinder von heute lesen wollen. Die Idee zu "Im Land der Samurai" entstand zum Beispiel auf diese Weise, weil "ihre" Kinder etwas über Ninjas erfahren wollten.

"Das magische Baumhaus" wird weltweit gelesen

Japan ist im Hinblick auf das "Magische Baumhaus" auch noch in anderer Hinsicht besonders. Das Land der aufgehenden Sonne ist nämlich das einzige Land außerhalb der USA, in dem alle Bände des magischen Baumhauses veröffentlicht wurden. Während andere einige Bücher der Reihe wie "Thanksgiving on Thursday" ausgelassen haben, weil die Themen zu amerikanisch sind, gibt es auf dem japanischen Markt jeden einzelnen Band zu kaufen.

Die Frage, inwieweit ein Thema nicht nur von nationalem, sondern auch von internationalem Interesse ist, kann Mary Pope Osborne schon lange nicht mehr ignorieren, denn die Bücher verkaufen sich mittlerweile in 32 Ländern Europas, Asiens und Amerikas. Von entscheidender Bedeutung, ob sich ein Thema eignet oder nicht, ist auch, inwieweit sich die historischen Fakten über die Jugendzeit der historischen Persönlichkeiten, über die die Amerikanerin schreibt, ausreichend gesichert sind. Denn die Verbindung von Sachinformationen mit spannender Unterhaltung ist eines der Erfolgskriterien der "Magischen Baumhaus"-Reihe.

Fakten in Fiktion

Mittlerweile gibt es sogar 14 Forscherhandbücher mit vielen interessanten Hintergründen und Informationen zu den Geschichten. Diese Sachbuchreihe wurde zunächst nur von Will Osborne recherchiert und geschrieben. Mittlerweile hat er das jedoch ganz an Marys Schwester Natalie Pope Boyce abgegeben hat, da er sich um das Musical "Das magische Baumhaus" kümmert, das mit einer neuen Geschichte auf Tour geht und auch in Deutschland zu sehen sein wird.

Für die eigentlichen Bücher recherchiert Mary Pope Osborne jedoch selbst. Vieles schöpft sie dabei aus ihren Erinnerungen, als ihre Eltern mit den vier Kindern oft den Wohnort wechselten, da der Vater bei der Armee arbeitete. Auch noch als Erwachsene bereiste die Schriftstellerin die ganze Welt, was dann aber durch eine schwere Blutvergiftung ein Ende fand. Mittlerweile genießt sie das Leben auf dem Land im US-Bundesstaat Connecticut mit ihrem Mann und ihren drei Hunden und ist dankbar für Erfindungen wie Google Maps, mit denen sie sich nicht nur Straßenkarten, sondern sogar einzelne Häuser fremder Städte und Länder angucken kann.

Gelegentlich packen die Osbornes aber dennoch ihre Koffer und reisen an die Schauplätze, über die sie schreiben werden. "Die Bücher sind ein herrlicher Vorwand, einfach einmal irgendwo hinzufahren", lacht die zierliche Frau mit den fröhlichen Augen. "New Orleans, wo das neuste Buch über den jungen Louis Armstrong spielt, lieben Will und ich."

Wird das magische Baumhaus auch einmal in Deutschland landen? "Auf jeden Fall. Ich bin schon mit der Suche nach einem geeigneten Stoff beschäftigt", versichert die Autorin, die mit Schauplätzen wie Neuschwanstein oder dem Schwarzwald liebäugelt. Auch die Brüder Grimm findet sie faszinierend und liebt deren Märchen von den sechs Schwänen. Vielleicht könnten Anne und Philipp Hänsel und Gretel treffen, die sich im Schwarzwald verirrt haben. Man merkt richtig, wie die Gedanken von Mary Pope Osborne schon um die nächste Geschichte kreisen, wie Ideen entwickelt, verworfen, verknüpft und wieder aufgegriffen werden.

"Das magische Baumhaus" bleibt flimmerfrei

Ihre persönliche Lieblingsgeschichte von den mittlerweile 42 Büchern ist "Das Geheimnis des alten Theaters", weil die Schriftstellerin die Zeit, in der Shakespeare lebte, so liebt. Und was war ihr allerliebstes Buch, als sie selbst ein Kind war? "Unsere kleine Farm" kommt es wie aus der Pistole geschossen. Die TV-Serie, die es viele Jahre später auch gab, hat Mary Pope Osborne dann allerdings gar nicht gefallen. Sie habe sie zwar ein paar Mal gesehen, sagt die Autorin, aber sei eigentlich nur enttäuscht gewesen. Nichts habe mit dem eine Ähnlichkeit gehabt, was beim Lesen in ihrer Fantasie entstanden sei. Nicht die Schauplätze, nicht die Menschen und erst recht nicht Laura Ingalls und ihre Familie. Die Autorin ist davon überzeugt, dass das Fernsehen viel von der Fantasie zerstört, die ein Buch aufgebaut hat. Deshalb hat sie sich bisher auch erfolgreich dagegen gewehrt, dass aus dem magischen Baumhaus eine Fernsehserie entsteht, obwohl es bereits mehrfach Anfragen gegeben hat.

Einblicke und Ausblicke

Ein bisschen, sagt die Autorin, habe sie sich und ihren Zwillingsbruder als Vorbild für Anne und Philipp genommen, obwohl sie als Kind nicht so brav wie Anne gewesen sei. Dabei betrachtet sie sich interessiert die deutschen Illustrationen ihrer Bücher und stellt fest, dass Anne mit ihrem Wuschelkopf sogar Ähnlichkeit mit ihr habe. Auf Änderungen, die von den Verlagen in den jeweiligen Ländern vorgenommen werden, nimmt sie keinen Einfluss, steht aber voll dahinter, wenn sie dazu dienen, die Bücher lesbarer für den nationalen Markt zu machen. So wird beispielsweise in Deutschland aus Jack und Annie Philipp und Anne, deren Baumhaus nun nicht mehr von Frog Creek, sondern von Pepper Hill aus startet.

Seit dem ersten Band, dem "Tal der Dinosaurier", der 1992 in den USA und 2000 in Deutschland erschien, macht Mary Pope Osborne ein inhaltliches Konzept für jeweils vier Bände. Pro Jahr schreibt sie zwei Bücher. Einen festen Arbeitsrhythmus hat die Schriftstellerin dabei nicht: "Jeder Tag läuft anders ab. Es kann sein, dass ich mal sechs Stunden am Stück an der Geschichte schreibe und am nächsten Tag dann nur dreißig Minuten. Es gibt bei meiner Arbeit keine Routine."

Das Schreiben für Kinder ist für Mary Pope Osborne nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Ursprünglich dachte sie, es sei einfacher für Erwachsene zu schreiben. Mittlerweile ist sie jedoch von Stolz und großer Dankbarkeit erfüllt, so viele Kinder zum Lesen gebracht zu haben.
Man merkt es der magischen Baumhaus-Erfinderin an, wie glücklich sie ist, dass in Zeiten, in denen verblödete Helden wie "Captain Underwear" Einzug in die Kinderzimmer halten, Charaktere wie Anne und Philipp geliebt werden. Kinder mögen vermeintlich altmodische Kinder, die lesen, höflich und mitfühlend sind und Interesse an ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen haben. So wird sie auch nicht müde, an ihre jungen Leser zu appellieren, ihre Fantasie zu gebrauchen und sich davon inspirieren zu lassen: "In eurer Fantasie könnt ihr alles sein, was ihr wollt. Macht euch das zunutze. Seid wie Anne und Philipp, fragt nach, forscht, denkt euch in eine andere Zeit und in eine andere Welt." Und welche Ziele hat sie sich selbst gesetzt? "Gar keine," sagt Mary Pope Osborne mit fröhlicher Stimme. Sie möchte mit ihrem Mann und ihren drei Hunden einfach nur das Leben in Connecticut genießen - und sich weiter Abenteuer für Anne und Philipp ausdenken.

Das Gespräch führte Susanne Schult am 3. Mai 2010 in Hamburg

Homepage von Mary Pope Osborne
Lebenslauf von Mary Pope Osborne im Verlag Loewe
Alle Bände "Das magische Baumhaus" im Verlag Loewe

Quellen und Bildrechte:

  • Foto 1 (c): Susanne Schult