Buchtipps: Wiederentdeckte Autoren

Auch Bücher sind Moden unterworfen und so mancher Autor ist deshalb zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Doch oft passiert es auch, dass Schriftsteller wieder entdeckt und nach Jahren oder sogar Jahrzehnten wieder eine große Leserschaft finden. Drei Beispiele stellen wir Ihnen hier vor.

Früchte des Zorns

Tom Joad hatte im Streit einen Mann erschlagen. Nun hat er seine Strafe verbüßt und wird aus dem Gefängnis entlassen. Er macht sich auf den Weg zu der Farm seiner Familie. Doch schon unterwegs bemerkt er die Veränderungen, die über den Mittleren Westen gekommen sind. Traktoren ersetzen menschliche Arbeitskraft, eine Dürre-Periode setzt den Farmern zu und wer aufgrund schlechter Ernten seine Kredite nicht tilgen kann, verliert sein Farmland an die Banken. Die Bankenangestellten verstecken sich hinter ihren Regularien und bevorzugen landwirtschaftliche Großbetriebe. Auch Tom Joads Familie muß ihr Heim verlassen. Es ist beschlosse Sache, dass die Familie nach Kalifornien zieht, in das Gelobte Land, indem Orangen wachsen und, wie Gerüchte besagen, jede Menge Arbeiter gebraucht werden. Und so zieht Tom mit der Familie nach Westen, obwohl er damit seine Bewährungsauflage, den Bundesstaat nicht zu verlassen, bricht.

Doch der Einsatz zahlt sich nicht aus. In Kalifornien sind zwar Arbeiter gefragt, die zu Dumpinglöhnen schuften, aber da riesige Menschenströme aus dem Osten ankommen, sind die Jobs unterbezahlt und schnell wieder beendet. Die Bevölkerung ist ablehnend gegenüber den Neuankömmlingen, die Großgrundbesitzer skrupellos und die Polizei geschmiert.Tom Joad schluckt ein ums andere Mal seinen Zorn hinunter, um nicht erneut im Gefängnis zu landen. Aber irgendwann, und das spürt der Leser viele Seiten vorher, muss der Moment kommen, wo die Früchte des Zorns platzen.

John Steinbeck wechselt stilistisch zwischen lebensnahen Dialogen, einer genauen Beschreibung seiner Figuren und ihrer Umwelt sowie einer Direktheit in der Anklage der Zustände, die dem heutigen Leser fast propagandistisch erscheint. Es ist seine Stärke, literarischen Anspruch und Direktheit verbinden zu können. Somit bleibt dieser Roman, der eigentlich eine längst vergangene Welt beschreibt, aktuell und erfrischend in seiner klaren Aussage. Der Leser verneigt sich vor dem Nobelpreisträger von 1962, so wie Bruce Springsteen sich einst vor diesem Roman verneigte, als er eins seiner Alben "The Ghost of Tom Joad" nannte Die Früchte des Zorns sind immer frisch, denn was Steinbeck über amerikanische Farmer in den 30er Jahren erzählt, trifft heute auf Wanderarbeiter in China oder Kaffeepflücker in Südamerika zu.
"Früchte des Zorns" von John Steineck ist als Taschenbuch bei dtv erschienen und kostet 15 Euro.

Die Insel und die Dämonen

Buchcover von "Die Insel und die Dämonen"Gran Canaria, 1939: Die 16-jährige Marta steht mit ihrem Halbruder José und dessen Frau Pino am Hafen und wartet gespannt auf ihre Verwandten. Josè hat sie auf ihre Finca eingeladen, damit sie dort das Ende des Bürgerkrieges abwarten können. Marta erhofft sich von diesem Besuch, dass endlich einmal geistige Anregungen und Lebensart in ihr etwas eintöniges Leben kommen werden. Denn José, den sein Spießertum und sein Pflichtgefühl gegenüber Martas geistig verwirrter Mutter Teresa vorzeitig altern lassen, und seine geistlose, unzufriedene Frau Pino sind für Marta, die heimlich Gedichte schreibt und mit ihren Schulfreundinnen von einem aufregenden Leben als Boheme träumt, keine Gesprächspartner.

Doch auch die Verwandten sind nicht so anregend, wie Marta es sich erhofft hatte. Honesta plaudert am liebsten stundenlang ohne etwas zu sagen, Daniel pflegt seine Wehwehchen und die Dichterin Mathilde hat keinen Blick für das Mädchen. Doch die Verwandten haben noch einen Bekannten mit auf die Insel gebracht: Den Maler Pablo. Mit ihm kann sie endlich die Gespräche führen, die sie sich wünscht. Sie verstärken in ihr den Wunsch, der Enge und den ewigen Streitereien von José und Pino zu entfliehen und das freie Leben zu führen, das sie sich wünscht.

Die Autorin Carmen Laforet hat diesem Roman stark autobiografische Züge gegeben. Sie selber wurde 1921 in Barcelona geboren, wuchs dann auf den Kanarischen Inseln auf und kehrte mit 18 Jahren in ihre Heimatstadt zurück. Mit ihrem ersten Roman "Nada", der wie durch ein Wunder der damaligen Zensur entgangen war, gewann sie als erste den Premio Nadal, bis heute einer der bedeutendsten Literaturpreise Spaniens. Carmen Laforet starb 2004.

"Die Insel und die Dämonen" erstmals erschienen 1952, ist ein Buch, das auch heute noch berührt. Die deutsche Neuauflage ist 2006 bei Claassen erschienen und gebraucht 2,86 Euro.

Lushins Verteidigung

Buchcover von "Lushins Verteidigung"1930, als Vladimir Nabokov "Lushins Verteidigung" schrieb, war er noch ein russischer Schriftsteller - später lebte er in den USA, schrieb auf englisch und wurde ein amerikanischer Schriftsteller russischer Herkunft. Und wie es scheinbar die Stärke aller russischen Schriftsteller ist, schreibt Nabokov hier einen Roman über menschliche Passionen, die zu Obsessionen werden.

Als kleiner Junge, der verängstigt aus dem Schatten des übermächtigen Vaters auf die Welt schaut, gerät Lushin zufällig an das Schachspielen. Gefördert von seiner Tante zeigt sich schnell seine Begabung und seine Hingabe zu diesem Spiel, das fortan zu seinem ständigen Fluchtraum vor der realen Welt wird. Bald braucht er nicht einmal mehr Brett und Figuren, in seinem Kopf zirkeln ohne Unterlass Schachoperationen.
Ein Impressario nimmt sich seiner an, führt Lushin auf europäische Tourneen, das Wunderkind ist geboren. Erst als die Entwicklung des ewigen Talents ins Stocken gerät, trennen sich Impressario und Schüler. Lushin fährt weiter von Schachturnier zu Schachturnier, ohne mehr von den Städten zu sehen als die Kaffeehäuser, in denen er auf seine Gegner trifft. Der mittlerweile erwachsene, übergewichtige und zerstreute Lushin verdient viel Geld beim Schach, ist aber im Grunde genommen völlig unfähig, sein Leben außerhalb der schwarz-weißen Bretter zu gestalten.

Nabokov gelingt es, über Schach zu sprechen, ohne wirklich über Schach zu sprechen. Es werden kaum Schach-Notationen oder Eröffnungsvarianten strapaziert, um dem Leser das völlige Eintauchen Lushins in das Spiel zu veranschaulichen. Dazu gelingt es dem Autor, bereits zu einem frühen Zeitpunkt klarzumachen, dass seine Figur verloren ist - ohne dem Buch die Spannung zu nehmen.

Lushin trifft bei einem Kur-Aufenthalt eine junge Exil-Russin, die sich in einer diffusen Mischung aus Mitleid, Langeweile und Neugier seiner annimmt und gegen den Widerstand ihrer Eltern sogar die Verlobung mit ihm bekannt gibt. Gefördert wird diese Verbindung durch einen Nervenzusammenbruch Lushins, den er durch eine besonders anspruchsvolle Partie Schach erleidet.
Wie jetzt die junge Frau daran geht, ein Leben mit Lushin zu führen, ihn gleichzeitig zu bemutterm und versucht, ihn als Ehemann zu lieben, dass ist neben dem Thema Obsession der spannendste Part des Buches.

Nabokov selbst empfand diesen Roman als große Herausforderung, denn in einem Brief an seine Mutter schrieb er, er werde sich nach Abschluss des Romans "...lange nicht mehr mit so schwierigen Themen anlegen...".

Für die Leser hat es sich gelohnt!

"Lushins Verteidigung" von Vladimir Nabokov gibt es beispielsweise als Taschenbuch von Rowohlt aus dem Jahre 1999 für 8,90 Euro.

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