Buchtipps: Absolut lesenswert

Gute Bücher bieten mehr als nur fesselnde Unterhaltung. Sie regen zum Nachdenken an, erzeugen Stimmungen, lassen sich oft in Beziehung zum eigenen Leben setzen und sie sind zeitlos, auch wenn sie ihre Zeit spiegeln.

Die Manhattan Monologe

Buchcover von "Die Manhattan-MonologeDie New Yorker Upper Class des 20. Jahrhunderts ist in diesen Geschichten in das scharfe Visier eines der ihren geraten, der ihre Schwächen, ihre Ängste und Laster und ihre Geheimnisse gnadenlos bloßlegt. Da wäre zum Beispiel Ambrose Vollard junior, der sich damit abfinden muss, nichts Besseres zustande zu bringen als Sohn zu sein. Und auch hier ist er für seinen Vater eine Enttäuschung: Er meldet sich nicht zu den Waffen, als 1914 der Weltkrieg ausbricht. Oder Harrys hässlicher Bruder, der sein Leben lang die Bevorzugung seines Bruders stoisch und friedlich erträgt und ihn auch immer wieder aus finanziellen Katastrophen rettet. Dank erntet er jedoch nie. Oder Katie Scott, die die Familie durch die Heirat ihres Sohnes mit einer reichen Erbin retten will und dabei alles gründlich falsch macht.

Elegant und scheinbar ganz an der glänzend polierten Oberfläche erzählt Louis Auchincloss seine Familiengeschichten - doch was er sagt, ist niederschmetternd, entlarvt behäbige Clan-Chefs als langweilige Nichtstuer, hoffnungsvolle Erbinnen als einsame Trinkerinnen, brave Ehefrauen als durchtriebene Sex-Junkies. Brillant, amüsant, absolut lesenswert!
Louis Auchincloss wurde 1917 in Lawrence, New York, geboren, war bis 1986 als Anwalt in einer großen Kanzlei an der Wallstreet tätig. Nach dem ersten, 1947 erschienenen Roman publizierte Auchincloss bis heute 58 Bücher. In Amerika wird er als großer Romancier, Essayist und Biograph gefeiert.
"Die Manhattan Monologe" von Louis Auchincloss sind als Taschenbuch bei List erschienen und kosten 7,95 Euro.

Die sonderbare Karriere der Frau Choi

In einem kleinen Dorf im Südwesten von Frankreich, wo die Geschichten von Werwölfen und der Weißen Frau noch so lebendig sind, dass man im Winter abends lieber nicht vor die Tür geht, landet eines Tages die Chinesin Frau Choi. Sie ist die Witwe eines Holländers und bringt ihren Sohn Piet de Bakker mit. Und was niemand gedacht hätte: Die beiden leben sich ein, kaufen ein Haus, renovieren es und kommen schon bald in Kontakt zu den Einheimischen. Yolande, die einst als Studentin der Liebe wegen im Ort hängen blieb, und ihr Mann Yves sind die ersten, die in den Genuss von Frau Chois sensationeller Kochkunst kommen. Ihr Sohn Bastien freundet sich mit Piet an. Frau Choi beschließt, ein Restaurant zu eröffnen. Bapguagup soll es heißen und die alte Seidenspinnerei ist der ideale Ort dafür. Der einheimische Architekt Eric Halbwachs bekommt den Auftrag, die Seidenspinnerei im Stil des berühmten Architekten Itami Jun umzubauen. Das Dorf beginnt sich zu verändern - immer mehr Menschen kommen, der Campingplatz belebt sich, die Geflügelfarm ebenso, Yolande wird durch ihre Schmetterlingsforschungen bekannt, Mathilde und ihre Tochter unterstützen Frau Choi in dem gutgehenden Restaurant... Die Chinesin kann auch bei Migräne helfen - und sogar dann, wenn unliebsame Ehemänner oder alte Verehrer lästig werden...

Interessant, was passiert, wenn asiatische Kultur und französische Mythen und Legenden aufeinandertreffen - und was ein einzelner Mensch mit so besonderen Fähigkeiten wie Frau Choi bewirken kann! Skurrile Erzählung und Kriminalgeschichte in einem ist dieses mal wieder gelungene Buch von Birgit Vanderbeke.
"Die sonderbare Karriere der Frau Choi" von Birgit Vanderbeke ist bei S.Fischer erschienen und kostet 16,90 Euro.

ImageDie Schönen und Verdammten

New York 1913: Der junge Anthony hat sich sein Leben äußerst angenehm eingerichtet. Vom Erbe seiner Mutter kann er bequem leben, ohne arbeiten zu müssen. Er bewohnt eine elegante Wohnung in einer angesagten Gegend, besucht einmal in der Woche seinen Börsenmakler und treibt ansonsten mit seinen Freunden Maury und Dick von einem Vergnügen zum nächsten. Zur Beruhigung seines Millionen schweren Großvaters und für seine eigene Wichtigkeit dilettiert er an einem Werk über das europäische Mittelalter. Eines Tages lernt er Dicks Cousine Gloria kennen und verliebt sich in sie. Gloria lebt ein ähnliches Leben wie er - doch es beginnt sie zu langweilen und sie sucht Zerstreuungen auch schon in der nicht mehr ganz ersten Gesellschaft. Die Beiden heiraten und verbringen die ersten Monate wie im Rausch. Doch dann zeigt der Alltag sein graues Gesicht, mit Geldnot, Langeweile und Alkohol. Langsam aber sicher geruht ihr Leben in einen Strudel, der unaufhaltsam in den Abgrund führt. Als Anthonys Großvater ihn eines Tages betrunken erlebt, enterbt er ihn.
Im Nachwort schreibt Manfred Pabst "Im Grunde wissen die Beiden nicht, was sie mit sich und ihrer Zeit anfangen sollen. Sie haben alles, aber sie haben keine Perspektive".

F. Scott Fitzgerald zweiter Roman ist geradezu erschreckend modern und kann den heutigen Leser immer noch mühelos fesseln. Das Werk zeigt Parallelen zum Leben des Schöpfers von Meisterwerken wie "Der große Gatsby". 1920, kurz nach der Veröffentlichung seines ersten Romans "Diesseits vom Paradies" hatte Fitzgerald Zelda Sayre geheiratet, mit der er ein ähnlich unstetes Leben führte wie seine beiden Helden. Auch bei ihnen spielte der Alkohol und verschwenderischer Umgang mit Geld eine große Rolle. Erstaunlich, dass Fitzgerald trotzdem solche Meisterwerke und unzählige Kurzgeschichten schaffen konnte.
"Die Schönen und Verdammten" von F. Scott Fitzgerald ist in einer Neu-Edition bei Diogenes erschienen und kostet 24,90 Euro.

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