Was ist Tinnitus?
Wenn Sie zu den vielen Menschen gehören, bei denen es gelegentlich im Ohr "klingelt", müssen Sie noch lange nicht krank sein. Medizinische Experimente konnten beweisen, dass selbst hörgesunde Menschen tinnitusartige Geräusche, wie Zischen, Rauschen, Klingeln u.a., vernehmen, wenn sie sich in einem schalltoten Raum aufhalten. Demnach kann Tinnitus also auch ein normales Phänomen innerhalb des intakten Hörsystems sein, das im normalen Leben nicht wahrgenommen wird.
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er jedoch permanent Ohrgeräusche wahrnimmt, denen man nicht entfliehen kann, fühlt sich in seinem Alltag belästigt und leidet mitunter sehr. Die Folgen sind nicht selten Hilflosigkeit, Schlafstörungen, Rückzug von sozialen Aktivitäten, aber auch Depressionen und Ängste.
Unter Tinnitus (lat. Tinnire = klingeln) versteht man Töne oder Geräusche, die ohne äußere Schallquelle in den Ohren oder im Kopf wahrgenommen werden und sich als Pfeifen, Rauschen, Summen, Zischen, Klingeln, Piepsen, Sausen, Brummen oder Ähnliches bemerkbar machen. Man unterscheidet überwiegend zwischen akutem und chronischem Tinnitus. Bei akutem Tinnitus treten die Ohrgeräusche meist spontan auf und verschwinden nach weniger als drei Monate wieder.
Von einem chronischen Tinnitus spricht man dagegen, wenn die Ohrgeräusche länger als drei Monate bestehen. Meist trifft es Menschen um die 50, die unter chronischen Tinnitus leiden. Allerdings gibt es seit einigen Jahren eine deutliche Tendenz zu jüngeren Lebensaltern. Auch wenn sich mehr Männer wegen Tinnitus in Behandlung begeben, scheinen es jedoch eher die Frauen zu sein, die häufiger betroffen sind. Das linke Ohr ist öfter betroffen als das rechte.
Wie funktioniert das Gehör?
Wie kann man hören? Der Vorgang des Hörens ist sehr komplex. Dennoch wollen wir ein wenig den Vorgang des Hörens, wie er normalerweise abläuft, kurz erklären: Das äußere Ohr (Ohrmuschel, Gehörgang) und Mittelohr (Trommelfell, Gehörknöchelchen) dienen dem Schalltransport, und die Hörschnecke im Innenohr, das eigentliche Hörsinnesorgan, ist für die Schallverteilung und Schalltransformation zuständig, also für die Umwandlung von mechanischer Energie (Druckschwankungen) in elektrische Energie. Diese elektrischen Nervenimpulse werden dann über den Hörnerv an das Gehirn weitergeleitet. Im Hirnstamm angekommen werden die Impulsmuster mehrmals umgeschaltet, bis sie schließlich in der Hörrinde im Schläfenlappen unseres Gehirns landen. Erst hier wird der akustische Reiz bewusst. Dieser Vorgang wird in den meisten der Bücher, die wir im Anschluss vorstellen, viel detaillierter beschrieben.
Wie entsteht Tinnitus?
Der Tinnitus kann viele mögliche Auslöser haben, beispielsweise Knallgeräusche, ein Hörsturz oder ein Ungleichgewicht der Flüssigkeit im Innenohr. Betroffen sind manchmal das Hörsystem, das Gehirn, aber auch andere Bereiche. Bei wem das erste Mal unangenehme Hörgeräusche auftreten, sollte am besten bei einem HNO-Arzt vorstellig werden und sich ggf. behandeln lassen. Denn es ist durchaus möglich, dass Tinnitus oder Hörminderungen mit Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselerkrankungen und gesundheitlichen Risikofaktoren (z.B. Rauchen) zusammenhängen. Auch wechselnd oder extremer Bluthochdruck gilt als Risikofaktor für Hörstörungen.
Der Arzt wird anhand verschiedener Untersuchungen zunächst das Geräusch der Gruppe "subjektive" oder "objektive" Ohrgeräusche zuordnen, um mögliche Ursachen eingrenzen zu können. Subjektive Ohrgeräusche werden nur vom Betroffenen wahrgenommen, objektive Ohrgeräusche hört auch der Arzt. Auslöser für subjektive Ohrgeräusche können u.a. sein: Hörsturz, chronische Mittelohrentzündung oder akutes Lärmtrauma, für objektive Ohrgeräusche: Einengung der großen hirnversorgenden Arterien, Blutschwämme, Tumor des Mittelohrs oder Gefäßmissbildungen. Sollte der HNO-Arzt feststellen, dass der Tinnitus körperliche Ursachen hat, können auch Ärzte anderer Fachgebiete (z.B. Orthopäde, Zahnarzt, Internist, Neurologe) hinzugezogen werden.
Wie stellen Ärzte fest, dass es wirklich Tinnitus ist?
Tinnitus ist nicht gleich Tinnitus. Daher sind unterschiedliche Untersuchungen beim HNO-Arzt notwendig, um mögliche Ursachen zu erkennen und ggf. diese behandeln zu können. Die Diagnose kann mitunter ein langwieriger Prozess sein. In der Regel sind folgende Hörprüfungen gängig: Stimmgabelversuch, Audiogramm, Messung des Recruitments, Tympanometrie (Test für das Mittelohr) und die Messung der Hirnstammpotenziale (BERA).
Wie behandelt man Tinnitus?
Die Behandlung von Tinnitus ist nicht einfach. Neben der medikamentösen Therapie (oft im Einsatz gegen akuten Tinnitus) stehen heute das Retraining, die Bewältigung der emotionalen Probleme sowie ein Hörgerät und/oder eine Hörtherapie sowie operative Maßnahmen, beispielsweise mit einem Cochlea-Implantat (CI) im Mittelpunkt einer erfolgreichen Tinnitus-Therapie.
Die Therapieempfehlungen bei chronischem Tinnitus sind darauf ausgelegt, die Belastungen langfristig zu reduzieren. Dabei stehen Techniken im Fokus, die die Betroffenen in die Lage versetzen, mit dem Ohrgeräusch umzugehen, um so eine langfristige Desensibilisierung oder gar Reduktion der Belastung zu erreichen. „Der wichtigste Ausgangspunkt und Basis jeder Therapie sollte dabei die Diagnostik-gestützte Beratung und Aufklärung, das sogenannte Tinnitus-Counselling, sein“, erklärt Professor Dr. med. habil. Gerhard Hesse, Klinikleiter der Tinnitus Klinik, Bad Arolsen, und einer der federführenden Autoren der neuen Leitlinie. Ziel ist es, die Betroffenen mittels Counselling zu einem informierten Umgang mit dem Ohrgeräusch zu ermuntern, um damit besser leben zu können.
Zusätzlich werden in der Leitlinie weitere evidenzbasierte Empfehlungen genannt. Dazu zählen Hörgeräte und/oder eine Hörtherapie sowie operative Maßnahmen, beispielsweise mit einem Cochlea-Implantat (CI). Zur Unterstützung dienen maßgeblich kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungen. Eine klare Empfehlung gibt es außerdem für die Teilnahme an den Tinnitus-Selbsthilfegruppen.
Was hilft nicht bei Tinnitus?
Um Wunderheilmittel, die einen sofortigen Heilerfolg versprechen, sollten Sie lieber einen Bogen machen. Dazu gehören die unterbrochene Notch-Musik, die als Smartphone-App oder in Verbindung mit Hörgeräten angeboten wird, sowie weitere App-gestützte Soundtherapien und andere akustische Neuromodulations-Verfahren, die sich als wenig evident erwiesen haben. Dazu zählen weiterhin die transkranielle Elektro- und Magnetstimulation sowie die invasive Vagusnervstimulation.
Da es auch keine Wirksamkeitsnachweise für Nahrungsergänzungsmitttel und andere Medikamente gegen Tinnitus im chronischen Stadium gibt, werden auch diese nicht empfohlen, zumal erhebliche Nebenwirkungen auftreten können. Darunter fallen folgende Präparate: Betahistin gegen Schwindel, Stärkungsmittel wie Ginkgo, Zink, Melatonin, Cannabis und Hormone wie Oxytocin und Langzeit-Corticosteroide, Antidepressiva, Benzodiazepine zur Beruhigung, Muskelrelaxantien und Gabapentin gegen Nervenschmerzen.
Allerdings sind damit nicht ärztlich verordnete Medikamente gegen Schlaf- und Angststörungen oder Depressionen gemeint, die bei Tinnitus häufig auftreten können, und die einer fachgerechten Behandlung einschließlich einer medikamentösen Therapie bedürfen.
Buchtipps
"Tinnitus - Endlich Ruhe im Ohr": Etwa jeder zehnte Deutsche leidet an Tinnitus häufig gepaart mit Schlaflosigkeit, Ängsten und Depressionen als Folgeerscheinungen. In dieser Situation bewährt sich dieser Ratgeber als große Hilfe für Betroffene und Angehörige. Autor Dr. med. Eberhard Biesinger gibt einen Überblick über alle wirksamen Behandlungen für den Akutfall und die chronischen Beschwerden. Dabei beschreibt er ausführlich die Retraining-Therapie, bewertet aber auch alternative Methoden wie Ayurveda, Biofeedback, Klang- und Neuraltherapie. Sein Buch motiviert außerdem zur effektiven Selbsthilfe. Denn soviel gilt als sicher: Gesunder Schlaf, richtige Ernährung, mehr Bewegung und weniger Stress verbessern die Heilungschancen enorm. Dr. Biesinger ist niedergelassener HNO-Arzt in Traunstein. Er hat sich auf die Behandlung von Ohrgeräuschen spezialisiert. Erschienen ist sein 207seitiges Buch, das auch von der Deutschen Tinnitus-Liga e.V. empfohlen wird, im TRIAS Verlag (Thieme Verlagsgruppe) zum Preis von 19,95 Euro (ISBN 978-3-8304-3376-7).
"Tinnitus Heilbuch. Das Selbstheilungs-Programm aus dem medizinischen Qi Gong": Neben den schulmedizinischen Lösungsversuchen, Tinnitus zu therapieren, gibt es einen ganz natürlichen Weg zur Heilung. Dieser Ratgeber stellt ein alternatives Behandlungsverfahren vor, mit dem schon vielen Tinnitus-Geplagten die Möglichkeit gegeben wurde, sich selbst zu helfen und eine Heilung oder zumindest eine deutliche Besserung der Beschwerden zu erreichen. Laut traditioneller chinesischer Medizin weisen Beschwerden der Ohren auf ein Energie-Ungleichgewicht im Körper hin. Spezielle Qi-Gong-Übungen harmonisieren den Energiefluss und wirken Tinnitus gezielt entgegen. Durch regelmäßiges Üben kann jeder aktiv an der eigenen Heilung mitwirken. Die Übungen lassen sich ebenfalls in Verbindung mit anderen gängigen Therapieverfahren einsetzen. Autor Wenchu Jin ist Arzt für Traditionelle Chinesische Medizin mit Schwerpunkt auf der Behandlung chronischer Krankheiten mit Qi Gong, Mit-Autorin Katharina Waibel ist Schülerin von Herrn Jin und Qi-Gong-Trainerin. Erschienen ist das 63seitige Werk im Nymphenburger Verlag zum Preis von 4,99 Euro (ISBN 978-3-4850-1139-6).
Hilfreiche Links:
· Deutsche Tinnitus-Liga (DTL) e.V.
· Kontakte und Informationen für Morbus Menière (KIMM) e.V.
· Schule des Hörens
· Deutsche Hörbehinderten Selbsthilfe e.V.
· Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde