2 x 3 macht 4, oder?

Für einige Kinder erscheinen Zahlen wie chinesische Schriftzeichen, die für sie keinen Sinn ergeben. Dieses Phänomen wird Dyskalkulie (Rechenschwäche) genannt. Genauer gesagt: Ihnen fehlt das kardinale Zahlenverständnis. Sie können zwar bis 20 zählen, aber haben z.B. Probleme, Aufgaben wie "20 - 19" oder "8 - 7" zu lösen...

Ein typisches Beispiel...
Unvorstellbar, aber Laura weiß nicht, ob 9 Äpfel mehr als 4 Äpfel sind. Nur mit Hilfe ihrer Finger kann sie die Frage der Lehrerin richtig beantworten. Laura ist in der 1. Klasse. Der Rechenunterricht ist für sie unerträglich, denn sie kann dem Unterricht nicht folgen. Das Problem hat sich für sie verschärft, seitdem sie den 10er-Zahlenraum verlassen haben und die Finger zum Abzählen nicht mehr ausreichen. Ihre Lehrerin gibt ihr Übungsaufgaben mit nach Hause und bittet darum, mit Laura intensiv zu üben. "Laura war immer ein aufgewecktes Kind und hat sich gut entwickelt. Ich habe aber das Gefühl, dass es bei unserer Tochter ein besonderes Problem gibt, warum sie sich mit Zahlen so schwer tut", berichtet Lauras Mutter...

Fast sechs Prozent aller Kinder sind betroffen
Bis heute wissen viele Menschen nicht, dass es eine Rechenstörung (Dyskalkulie) gibt. Der BVL - Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. - weist darauf hin, dass ca. 5 bis 6 % aller Kinder eine Dyskalkulie haben. Dyskalkuliker haben keinerlei Bezug zu Mengen, Entfernungen oder Gewichten. Die Rechenoperationen bleiben für sie ein Geheimnis. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass das Gehirnareal, in dem das Rechnen und Zahlenverarbeiten erfolgt, vom Kleinkindesalter an zunehmend aktiviert wird. Dieser Entwicklungsprozess ist bei Kindern mit Dyskalkulie gestört. Nur durch gezielte Fördermaßnahmen kann den betroffenen Kindern geholfen werden.

Nur eine Therapie hilft wirklich
Von einer Dyskalkulie betroffene Schüler stehen von ihrem ersten Schultag an unter einem sehr hohen Leistungsdruck. Die Lehrer und Lehrerinnen sind nicht ausreichend ausgebildet und erkennen daher die Rechenstörung oftmals nicht frühzeitig genug, um den betroffenen Kindern die notwendigen Hilfen zuteil werden zu lassen. Die Kultusministerkonferenz hat in ihren "Grundsätzen zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben oder im Rechnen" aus dem Jahre 2007 die Rechenstörung außen vor gelassen, so dass keine Berücksichtigung im schulischen Rahmen stattfindet. Einige Bundesländer haben versucht, die Dyskalkulie in ihren schulrechtlichen Regelungen zu berücksichtigen, aber es sind nur unzureichende Maßnahmen für die betroffenen Schülerinnen und Schüler fixiert worden. Leider sind die Schulen meistens damit überfordert, den Kindern einen adäquaten Förderunterricht anzubieten. Viele der von einer Dyskalkulie betroffenen Kinder erreichen so keinen begabungsgerechten Schulabschluss. Nicht rechnen zu können, bedeutet, nicht am Leben in der Gesellschaft teilnehmen zu können. Wer nicht rechnen kann, kann keinen Beruf ausüben, der ihm ermöglicht, selbstständig für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. "Die Empfehlung der Lehrer, mit dem Kind intensiver die Grundrechenarten zu üben, hilft dem betroffenen Kind gar nicht. Eltern sollten sich frühzeitig fachkompetente Hilfe suchen und eine Dyskalkulietherapie einleiten, denn nur so kann großes Leid erspart werden", empfiehlt Dr. Christiane Löwe vom Bundesvorstand des BVL. Qualifizierte Erstberatung zum Thema Dyskalkulie erhalten Eltern über das Beratungstelefon des BVL oder die Landesverbände.

Woran Eltern eine Rechenschwäche ihres Kindes erkennen...
Dass ihr Kind eine Rechenschwäche haben könnte, bemerken meistens die Eltern als erstes. Die Hausaufgaben, die mit Hilfe der Eltern gemacht werden, ziehen sich oft endlos hin. Nicht selten verbunden mit Wut, Streit und Tränen auf beiden Seiten. Folgende Auffälligkeiten stehen die Eltern relativ hilflos gegenüber:

* Das Kind löst die Aufgaben zählend, meist unter Zuhilfenahme der Finger
* Addieren geht gerade noch, beim Subtrahieren tauchen große Schwierigkeiten auf
* Das Kind hat Probleme bei Zehner- und Hunderter-Übergängen
* Platzhalter-Aufgaben (19 - ? = 5) scheinen unlösbar
* Das Dividieren funktioniert überhaupt nicht und ist besonders verhasst
* Das Kind grübelt lange - ohne ersichtliches Ergebnis
* Gewichts- und Maßeinheiten können nicht eingeschätzt werden
* Die Uhrzeit kann nicht korrekt benannt werden
* Das Kind lässt sich das Geld "passend" geben, wenn es einkaufen gehen soll
* Auf die Frage, ob es Hausaufgaben in Mathematik aufhat, verneint das Kind und verschwindet aus dem Zimmer
* Das Kind zeigt Abneigungen gegen Mathe, den Mathematikunterricht oder gegen die Schule
* Es hat Bauch- oder Kopfschmerzen vor dem Mathematikunterricht bzw. an dem Tag, an dem eine Mathearbeit ansteht
* Beim Lösen von Rechenaufgaben kaut es intensiv an den Nägeln

Problem erkannt - und nun?
* Nehmen Sie frühzeitig Kontakt zu Lehrern und Kinderpsychologen auf
* Sprechen Sie mit Ihrem Kind ganz offen über seine Schwäche, und loben Sie seine Stärken
* Loben Sie Erfolge, und schauen Sie nicht zu sehr auf Misserfolge
* Bitten Sie den Lehrer, Ihr Kind nicht an die Tafel zu holen
* Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind im Unterricht ganz vorn an der Tafel sitzen kann
* Beachten Sie auch unsere Buchtipps

Telefon-Beratung & Web-Tipps
* Der BVL hat ein deutschlandweites Beratungstelefon eingerichtet, welches Eltern und Ratsuchenden zur Verfügung steht. Ansprechpartnerin ist Frau Palme, die Sie unter der Telefonnummer 0700 - 31 87 38 11 erreichen können. Auf der Website findet man auch weitere Infos oder Material zum Download.
* Weitere Informationen findet man auch beim Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR).
* Suchen Sie Hilfe in Ihrer Nähe? Eine Such-Maschine finden Sie auf den Seiten Die Rechen-Schule im Studienkreis.

Passende Buchtipps:


Image"Praxisbuch Rechenschwäche" von Dr. Andreas Schulz: Eltern erfahren, wie sie Anzeichen für die Rechenschwäche ihres Kindes beobachten und auf ihr Kind eingehen können. Detailliert werden die verschiedenen Schritte dargestellt, die beim Rechnen lernen vollzogen werden müssen. So merken Eltern, wo es bei ihrem Kind "hakt", und können Unterstützung bieten. Wichtige Grundlagen zum Rechnen lernen werden in den zahlreichen, im Buch ausführlich vorgestellten Spielen und Aufgaben vermittelt. Der Autor gibt kompetenten Rat für den Umgang mit Lehrern und dem Schulsystem. So werden konkrete Vorschläge für Trainings- und Fördermaßnahmen im Unterricht und im außerschulischen Raum gemacht. Außerdem werden die rechtlichen Fragen beantwortet, die mit der Einstufung der Rechenschwäche als Lernstörung (analog zur Legasthenie) noch immer verbunden sind. Erschienen im Urania Verlag zum Preis von 14,90 Euro (176 Seiten, Paperback, ISBN: 978-3-332-01447-1).

Image"Mia, Max und Mathix" von André Frank Zimpel: Kleine Bildergeschichten von Mia, Max und Mathix helfen Kindern, mögliche Stolpersteine auf dem Weg zum sicheren Zahlverständnis zu überwinden. Der Übergang vom Abzählen zum Nachzählen, die Differenzierung der Ordinal- und der Kardinalzahlen werden nachhaltig mithilfe des Fördermaterials geschult. Insbesondere der Übergang vom Abzählen zum Nachzählen legt vielen Kindern Stolpersteine in den Weg zu einem sicheren Zahlverständnis. In der einen Situation zählt nur die Reihenfolge: "Ich bin auf dem dritten Platz!" In einer anderen Situation zählt nur die Menge: "Wir sind zu dritt!" Wie soll man sich da zurechtfinden? Unsicherheiten bei dieser elementaren Unterscheidung sind folgenschwer. Das Fördermaterial schult ein sicheres Zahlverständnis und bedient sich dabei einer alten und einfachen Grundidee: Ursprünglich entwickelten sich Zahlen und Zahlbegriffe als Merkhilfen und Gedächtnisstützen beim Erzählen. Mit Mia, Max und Mathix schulen Kinder das Zahlverständnis kreativ, spielerisch und fantasievoll. Erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht zum Preis von 9,90 Euro (46 Seiten, kartoniert, ISBN: 978-3-525-79020-5).

Image"Spiele gegen Rechenschwäche" von Birgit Fuchs: Dieses Buch holt rechenschwache Kinder da ab, wo die persönliche Schwierigkeit liegt. Es bietet Wahrnehmungs-, Konzentrations-, Sprach-, Kreativitäts-, Körper-, Mathematik- und Ordnungsspiele, außerdem Spiele mit dem PC. Der Gefühlshaushalt wird durch Ich-, Therapie- und Aggressionsspiele aufgeräumt. Kein Spiel erinnert an den Rechenunterricht in der Schule, jedes orientiert sich an Fragen und Herausforderungen des Alltags, entspricht also dem modernen pädagogischen Konzept des "handelnden Lernens". Echte Spiele werden Kindern echten Spaß - und den Eltern keine Mühe - machen und sie wirksam fördern. Erschienen im Urania Verlag zum Preis von 12,90 Euro (128 Seiten, Paperback, ISBN: 978-3-7831-6076-5).

Image"Mit Legosteinen Rechnen lernen" von Miriam Stiehler: Kinder entdecken mathematische und logische Zusammenhänge mit Legosteinen, im Sandkasten, in der Küche und sogar beim Anziehen. Es wird gewürfelt, gebaut und sortiert. Aufgaben mit Legosteinen bieten motivierende und effiziente Möglichkeiten ein grundlegendes Zahl- und Mengenverständnis zu entwickeln. Das Förderkonzept leitet Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sowie Grundschullehrerinnen und -lehrer an, erste Grundsteine für das mathematische Grundverständnis ihrer Kinder zu legen und sie vom dritten bis zum zehnten Lebensjahr kontinuierlich in ihrer Entwicklung zu begleiten. Sie lernen, welche Aspekte für das Rechnen lernen entscheidend sind und wie man sie angemessen fördern kann. Das Programm kann als Training über mehrere Wochen durchgeführt werden. Besser nutzt man es als Grundlage, um Logik und Rechnen dauerhaft zu fördern. Weil es nach Entwicklungsschritten aufgebaut ist, eignet sich das Buch auch für Kinder mit Dyskalkulie, für den Unterricht der ersten zwei Grundschuljahre sowie für Förderschulen und hochbegabte Vorschulkinder. Erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht zum Preis von 16,90 Euro (139 Seiten, kartoniert, ISBN: 978-3-525-70104-1).

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