Schlachtfeld Kinderzimmer

Ein Blick ins Kinderzimmer lässt so manche Eltern schier verzweifeln. Schaut es doch nicht selten aus, als wenn dort kurz gerade eine Bombe hochgegangen wäre. Wie kann man ein Kind davon überzeugen, Ordnung zu halten?

Das Thema Aufräumen ist nicht selten ein Dauerbrenner innerhalb der Familie und führt schnell zu schlechter Stimmung. Während für die Erwachsenen jedes Ding seinen Platz haben muss, sehen dies die Kinder meist ganz anders: Sie haben die Dinge lieber dort, wo sie sie gerade gut gebrauchen können. Da ein Kind meist viele Sachen zur gleichen Zeit macht, ohne ein Vorhaben zunächst abzuschließen, kann es also vorkommen, dass in der einen Zimmerecke eine unfertige Lego-Burg auf Dach und Zinnen wartet, während in der Mitte des Raumes tagelang mehrere Bücher herumliegen, die der Filius noch zu Ende lesen will. Ganz sicher weiß das Kind auch, dass sein Schmusebär unter dem Bett liegt und sein Lieblingsauto unter dem Kopfkissen. Alles hat System. Warum also sollte das Kind dies ändern?

ImageDas Positive bei der Ordnung
Als erwachsener Mensch weiß man mittlerweile, das Ordnung halten viele Vorteile bringt. Wenn die Dinge an ihrem Platz sind, sind sie leichter zu finden und zwar für jedes Familienmitglied. Zweifelsohne sieht ein aufgeräumtes Zimmer besser aus als ein unaufgeräumtes. Der Raum strahlt Ruhe und Wärme aus, nichts Unerledigtes, wie z.B. der Bügelberg, sorgt für ein schlechtes Gewissen und jedermann kann sich so im eigenen Heim wohlfühlen.

Wie oder wo wird Ordnung erlernt?
Kleine Kinder sind sehr unstrukturiert. Für sie gibt es eine "andere" Ordnung. Wenn sie an einem Tag das spannende Buch mit den Piraten nicht finden, so fällt es ihnen bestimmt am nächsten Tag in die Hände. Je älter die Kinder jedoch werden, umso wichtiger wird auch für sie das Thema Ordnung. Manche Kinder neigen sogar dazu, richtig penibel mit ihren Sachen umzugehen. Vorbilder für das neue Bewusstsein finden sich in der Familie, im Kindergarten und der Schule. Vielleicht hat der gute Freund seine ganzen Autos systematisch nach Modell oder Farbe in kleine Pappgaragen geparkt und findet damit ein paar gleichaltrige Nachahmer oder das Kind beginnt sich zu ärgern, weil es zuviel Zeit damit verbringen muss, einen bestimmten Gegenstand wiederzufinden, so dass es viel später zum Spielen gehen kann. Spätestens jedoch bei der ersten großen Liebe wird das Zimmer in einen ungewöhnlich ordentlichen Zustand versetzt, um die oder den Angebetene/n nicht zu verschrecken.

Kinder müssen die Unordnung erkennen
Wenn die Mutter oder der Vater immer hinter dem Kind herräumen, wird es nie genau begreifen, dass die Unordnung Konsequenzen nach sich zieht. Mit einem nackten Füßchen auf einen Legostein zu treten, kann ganz schön weh tun. Auch dass Dinge, die verstreut auf dem Boden liegen, schnell mal kaputt gehen können, weil jemand drauf tritt oder darauf ausrutscht, ist ebenfalls sehr ärgerlich. Natürlich zählt dazu auch, dass schmutzige Wäsche, die nicht in die Wäschebox, Waschmaschine oder in den Waschkeller gebracht werden, liegen bleibt und somit bald kein sauberes T-Shirt mehr vorrätig ist. Letzteres wird wohl eher ältere Kinder zur Einsicht bringen, für die die Kleidung schon mehr an Bedeutung gewonnen hat. Das Nichteingreifen der Eltern erfordert viel Geduld und Konsequenz! Und manchmal fragt man sich vermutlich, welche der beiden Parteien es länger aushält…

Sinnvolle Kompromisse und gute Ratschläge, um das Chaos im Rahmen zu halten
* Machtkämpfe, Drohungen oder Strafen sind auch bei diesem Problem wie so oft nicht hilfreich. Manchmal sorgen sie vielleicht für eine kurzfristige Verbesserung, wenn der geplante Ausflug am Wochenende in den Ferienpark auf dem Spiel steht, doch kurze Zeit später ist alles beim Alten.
* Hält das Kind eventuell eine gewisse Ordnung im Chaos? Ist es nachvollziehbar, warum die Sachen an bestimmten Orten liegen? Wer zunächst versucht zu ergründen, warum das Kind so unordentlich ist, kann dann sogar ein gewisses Verständnis aufbringen.
* Gemeinsam (!) aufzuräumen kann sehr viel Spaß machen und vielleicht sogar die Freude an der Ordnung beim Kind entstehen lassen. Doch Vorsicht: Das Kind muss definitiv mitziehen!
* Wichtig ist natürlich auch ein ausreichender Stauraum für die vielen Sachen. Gibt es genug Kisten, Kartons oder ähnliches?
* Hinter dem Kind herzuräumen sollte auf jeden fall unterlassen werden. Ansonsten wird dies zu einer Selbstverständlichkeit, die nur schwer wieder abzugewöhnen ist. Natürlich spielt dabei das Alter des Kindes eine wichtige Rolle. Je älter, desto selbstständiger sollte das Aufräumen vonstatten gehen.
* Der Familienrat hilft oft dabei, bestimmte Regeln, die die Familie bzw. das Zuhause betreffen, festzulegen. So kann z.B. vereinbart werden, dass vorm wöchentlichen Staubsaugen alles aufgeräumt sein muss (sonst kann ja auch das eine oder andere kleine Teil von Playmobil & Co. für immer verschwinden). Sollten diesen Vereinbarungen nicht eingehalten werden, verschwindet das Spielzeug - das im Weg lag - tatsächlich in einem großen Müllsack, der dann für längere Zeit im Keller landet.
* Das Kinderzimmer ist oft nicht der einzige Ort in der Wohnung bzw. dem Haus, wo die Kinder sich spielerisch austoben. Wenn dem so ist, sollte noch stärker darauf geachtet werden, wie die Kinder mit dem gemeinschaftlichen Platz umgehen bzw. in welchem Zustand sie ihn verlassen.
* Wenn die Eltern mit ihren Sachen ebenfalls nicht sehr pfleglich umgehen, kann man es dem Nachwuchs sicher nicht verübeln, dass er dem schlechten Beispiel folgt. Also: Mit gutem Beispiel vorangehen!

Zu guter Letzt: Wie anstrengend der Tag auch war, wie nervig die Firma oder die Kollegen, nur wer freundlich bleibt, Ruhe bewahrt und dem Kind gegenüber Respekt und Vertrauen zeigt, wird am wahrscheinlichsten mit guten Ergebnissen und stressfreien Nachmittagen bzw. Abenden rechnen können.

Quelle: Kursbuch Erziehung von Annegret Weikert, erschienen 1997 beim Süd-West-Verlag.

Fotos: Stefan Erdmann, R. Krautheim, Pixelio