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Volvo S90 und V90: Neue Konkurrenz im Oberhaus

Das wurde auch Zeit: Das Triumvirat aus Mercedes, BMW und Audi, das seit Jahrzehnten die Kunden in der automobilen Business-Class abschöpft, bekommt Konkurrenz. Aus dem hohen Norden rückt jetzt Volvo mit dem S90 an. Unser Auto-Tester Heinrich Rohne hat auch sofort das neue Selbstbewusstsein der Schweden gespürt.

Die Schweden melden mit der eleganten Limousine S90 und dem Kombi V90 ihre Ansprüche im Premiumbereich an. Das Oberhaus-Denken geht schon beim Design los. Denn mit dem neuen S90 nehmen die Skandinavier endgültig Abschied von den nordischen Traditionen. Denn die Zeiten, in denen die Autos aus Göteborg so kantig wie Legosteine und so schlicht aber funktional wie die Möbel von Ikea waren, sind offenbar ein für allemal vorbei. Als wenn es dafür nach der Neuauflage des XC90 in diesem Sommer noch eines Beweises bedurft hätte, treiben die Schweden ihren Stilwechsel deshalb jetzt beim neuen Flaggschiff S90 auf die Spitze: Klar und clean, aber trotzdem voller Leidenschaft gezeichnet und innen so nobel und modern gestaltet wie ein Designerhotel in Stockholm, gibt die Fünf-Meter-Limousine den krassen Gegenentwurf zur deutschen Konkurrenz.

Unter dem Designteam mit dem Deutschen Thomas Ingenlath an der Spitze hat die schwedische Marke inzwischen zu einer Form gefunden, die geschmeidige Proportion, unaufdringliche Ästhetik und eine gewisse Noblesse zu einem überzeugenden Ganzen vereint. Es fallen hier auf: die besonders formschönen Leuchten hinten und vorn, der konkave Kühlergrill, die klare, gestreckte Linienführung. Sogar der etwas aus der Mode gekommenen Limousine vermag der Volvo neuen Charme zu verleihen. Trotzdem dürfte der Kombi auf dem deutschen Markt der weitaus wichtigste Neunziger bleiben. So oder so: Mit diesem Volvo kann man sich sehen lassen.

Und der neue Neunziger mit auffällig gestrecktem Radstand ist groß. Entsprechend kommod sitzt man drin, vorn, aber besonders hinten, wo der Knieraum fast schon Dimensionen wie im Skoda Superb erreicht. Dahinter wartet in der Limousine ein 500-Liter-Kofferraum - beim Kombi sind es gar 550 bis maximal 1.526 Liter). Vor allem ist das Volvo-Interieur mit seinen warmen Tönen besonders schön gestaltet. Das bedeutet angenehme, sorgsam verarbeitete Materialien und gefällig geformte Details. Knöpfe gibt es nur noch wenige, der Blick fällt stattdessen auf das große Display auf der Mittelkonsole. Der wie ein Tablet funktionierende Touchscreen, serienmäßig ab der mittleren von drei Ausstattungslinien, ist das Herzstück des Infotainment-Systems und funktioniert im Großen und Ganzen problemlos. Zusammen mit der digitalen Instrumentenanzeige und dem Head-up-Display verfügt der Fahrer also über eine zeitgemäße Benutzerschnittstelle.

Der Rest gehört heute zur Grundausstattung eines Reisewagens in der Premiumklasse: Bequeme Sitze (Komfort oder Sport), optional mit Massagefunktion oder belüftet, variable Raumausnutzung durch geteilt umlegbare Rücksitzlehnen, viele Ablagen, eine per Fußbewegung elektrisch öffnende Heckklappe, ein Glasdach und solche Sachen eben.

So unkonventionell wie das Design so eigenwillig ist auch der Antrieb der schwedischen Oberklasse-Limousine. Heißt: Keine Sechszylinder, schon gar kein Achtzylinder, Selbstbeschränkung auf Vierzylinder, alle mit zwei Litern Hubraum. Dem Kunden macht man es so gesehen leicht. Es gibt zwei Benziner - den T5 (ab 49.950 Euro) mit 254 PS sowie den allradgetriebenen und per Kompressor aufgeladenen T6 AWD (ab 57.550 Euro), der 320 PS leistet. Daneben sind zwei Diesel verfügbar, der D4 mit 190 PS (ab 42.750 Euro) und der Biturbo D5 AWD mit 235 PS (ab 54.450 Euro). Als Besonderheit verfügt dieser stärkere Selbstzünder über einen elektrischen Kompressor (Power Pulse), der dem berüchtigten Turboloch den Garaus machen soll. Die genannten Preise beziehen sich jeweils auf die Limousine, beim Kombi werden jeweils etwa 3.000 Euro draufgeschlagen. Serienmäßig übernimmt immer eine Achtgang-Automatik die Schaltarbeit. Der Allradantrieb agiert im Normalfall als reiner Frontantrieb, kann aber bei entsprechendem Schlupf bis zu 50 % des Antriebsmoments an die Hinterachse weiterreichen.Am sparsamsten geht der D4 zu Werke, für den Volvo einen Norm-Mix von 4,5 l/100 km angibt. Der D5 soll 4,9 l verbrauchen.

Und für Überzeugungstäter mit schwerem Gasfuß kommt als gleichermaßen sportlichste wie sparsamste Variante später noch der S90 T8 mit Plug-In-Hybrid und 407 PS Systemleistung dazu. Der sollte für den Spurt von 0 auf 100 km/h nicht viel mehr als fünf Sekunden brauchen und zumindest in der Norm mit weniger als zwei Litern zufrieden sein. Schließlich schafft er mindestens ein Drittel der Messdistanz ganz ohne Sprit.

Der Volvo S90 will A6, 5er und E-Klasse aber nicht nur mit einem ganz eigenen Weg beim Design und der freiwilligen Selbstbeschränkung beim Antrieb kontern. Auch die Schweden haben sich voll dem autonomen Fahren verschrieben und feiern den Volvo S90 als wichtigen Schritt in diese Richtung, denn mit dem neuen Flaggschiff geht auch der neue Pilot Assist an den Start, der bis Tempo 130 alleine die Spur hält und sich dafür nicht einmal am Vordermann orientieren muss.

Und es gibt ein Detail, mit dem die Schweden auf ihre nordischen Eigenheiten Rücksicht nehmen: Als erstes Auto der Welt bremst der Volvo S90 nicht nur automatisch für andere Fahrzeuge oder Fußgänger, sondern auch für Elche – und das bei Tag und Nacht ab 4 km/h. Aber das ist noch lange nicht alles, was Volvo serienmäßig an Assistenzsystemen zu bieten hat. So gibt es einen Kreuzungs-Bremsassistent zur Unfallvermeidung beim Linksabbiegen, einen Insassenschutz beim Abkommen von der Fahrbahn, dazu einen Stauassistent, eine aktive Spurhaltehilfe, einen Tot-Winkel-Assistent, eine Heckaufprallwarnung, einen Parkassistent, eine Verkehrszeichenerkennung und einen Tempobegrenzer .

Bleibt die Frage, wie sich der neue Volvo fährt. Er ist ein Gleiter, kein Raser, um das vorwegzuschicken, auch wenn die Antriebe mit teilweise satten Leistungswerten beeindrucken. Und der neue große Schwede ist extrem leise. Tatsächlich also ein Reisewagen bester Schule - mit einer präzisen, mitteilsamen Lenkung und narrensicherem, verstellbarem Fahrwerk.

QUELLEN:

  • Fotos: Volvo
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