Einzelkinder: Schluss mit Vorurteilen

Einzelkinder müssen sich in unserer Gesellschaft schon seit Jahrzehnten mit Vorurteilen auseinandersetzen. Dabei halten diese einer eingehenden Untersuchung nicht stand. Wir nehmen einige mal genauer unter die Lupe. Und es stellt sich heraus: Einzelkinder sind viel besser als ihr Ruf...

Immer mehr Kinder wachsen in Deutschland ohne Geschwister auf. Häufig wird angenommen, dass Einzelkinder automatisch verzogen und altklug seien. Würde das stimmen, wäre China voll von Egoisten! Eine Langzeitstudie aus England bestätigt indes: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Einzelkinder zu Verhaltensschwierigkeiten neigen, psychische oder emotionale Störungen aufweisen. Doch warum hält sich so hartnäckig das Vorurteil, dass Einzelkinder selbstsüchtig, eigenbrötlerisch, einsam und verwöhnt seien? Warum wirft man alle in den gleichen Topf und hängt ihnen das Etikett "typisch Einzelkind" an? Wir haben die größten Vorurteile einmal genau unter die Lupe genommen und stellten fest: Einzelkinder sind viel besser als ihr Ruf!

1. Vorurteil: Einzelkinder sind altklug

Kinder ohne Geschwister richten sich zu Hause zwangsläufig stärker auf die Eltern aus als solche mit Geschwistern. Wenn sie nicht Gleichaltrige zu Besuch haben, in der Spielgruppe oder Krippe sind, bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig. Wenn sie dann als altklug bezeichnet werden, liegt die Betonung wohl eher auf "klug". Sie sind dann nämlich oft ihren Altersgenossen vor allem verbal voraus, reden gerne und gut. Wenn Eltern ihr Einzelkind also dennoch von Anfang an mit anderen Kindern zusammenbringen, lernen die Kleinen schnell zu switchen: redegewandt unter Erwachsenen und verspielt mit Altersgenossen.

Image2. Vorurteil: Einzelkinder sind selbstsüchtig
Das ist schnell dahin gesagt und bei genauerem Hinsehen jedoch eine schwerwiegende Unterstellung. Natürlich sind sie es gewohnt, dass man auf sie eingeht. Immerhin ist dies ohne Geschwister, die die elterliche Aufmerksamkeit streitig machen könnten, sehr normal. Jedoch sind sie durchaus willens und fähig, mit anderen gleichberechtigte Freundschaften zu unterhalten. Sie können sich in andere einfühlen, sind weder besonders neidisch auf andere noch haben sie ein übersteigertes Selbstwertgefühl. Und wieder kommen die Chinesen ins Spiel. Denn dort wurde über Jahre diesbezüglich eine großangelegte Studie betrieben. Ergebnis: Einzelkinder entwickelten ein durchschnittliches, "normales" Selbstverständnis.

3. Vorurteil: Einzelkinder sind verwöhnt
Verwöhnt werden heutzutage so viele Kinder, dass das Thema Verwöhnung eher ein Massenphänomen als ein spezifisches Merkmal von Einzelkindern ist. Wer über das nötige Einkommen verfügt, versorgt seine Kinder mit ausreichender Ware in bester Qualität. Wer weniger betucht ist, spart meist beim Material (Plastik statt Holz) und nicht bei der Menge. Schließlich bekommt man ja viele begehrenswerte Spielsachen in noch recht gutem Zustand auf dem Flohmarkt. Manche Kinderzimmer sehen daher aus wie eine Filiale eines Spielwarengeschäfts. Eltern von Einzelkindern "verwöhnen" ihr Kind meist vor allem in Form von Aufmerksamkeit und Unterstützung. Alles andere ist eine reine Erziehungsfrage.

Image4. Vorurteil: Einzelkinder sind überbehütet
Kinder sind überbehütet, wenn sie übermäßig kontrolliert werden, wenn sie dauernd unter Beaufsichtigung stehen oder wenn die Eltern sie verwöhnen und ihnen übertrieben zugewandt sind. Ganz ehrlich: Die meisten Eltern sind bei ihrem ersten Kind unsicher. Erst beim zweiten oder dritten Kind stellt sich eine gewisse Gelassenheit ein. Zweit- und drittgeborene Kinder rechnen deshalb auch weniger damit, dass ihnen immer sofort geholfen wird. Im Gegensatz zu Erstgeborenen und Einzelkindern. Alle Kinder müssen sich jedoch beim Heranwachsen nach und nach daran gewöhnen, eigenständig schwierige Situationen zu bewältigen. In der Regel ist das in Ein-Kind-Familien auch möglich. Häufig werden gerade Einzelkinder im Laufe der Jahre zu eher unabhängigen, selbstbestimmenden Typen, die sich unter normalen Umständen nicht dauernd bei anderen anlehnen.

5. Vorurteil: Einzelkinder sind einsam
Warum nur sollen Einzelkinder einsamer sein als andere? Auch ohne Geschwister erleben Einzelkinder einen abwechslungsreichen Alltag mit fast so vielen Kontakten wie Geschwisterkinder. Insgesamt kennen Einzelkinder zwar nicht ganz so viele Menschen, doch treffen sie ihre Bekannten häufiger als Geschwisterkinder das tun. Fast noch wichtiger als die Quantität ist jedoch die Qualität dieser Kontakte, die bei Einzelkindern ausgesprochen gut ist. Ihre Freundschaften sind etwas enger als jene von Geschwisterkindern, wie eine neuere Studie herausgefunden hat. Es ist jedoch durchaus möglich, dass Einzelkinder enge Freundschaften pflegen und gleichzeitig in der Gruppe nicht gemocht werden. Gruppenkompetenz ist nicht gleich Zweierkompetenz. Einzig Feiertage, Wochenenden oder die Ferien können langweilig sein. Dafür können gerade Einzelkinder erwiesenermaßen besser mit dem Alleinsein umgehen als Geschwisterkinder.


ImageFazit & Buchtipp

Sicher sind die von uns aufgeführten Vorurteile gegenüber Einzelkindern nur ein kleiner Auszug. Es gibt tragischerweise noch einige mehr. Wer nun neugierig geworden ist und sich mit dem Thema näher befassen möchte, dem möchten wir das Taschenbuch "Lob des Einzelkindes: Das Ende aller Vorurteile" von Brigitte Blöchlinger (240 S., Krüger Verlag, ISBN: 978-3-8105-0262-9, 14,90 Euro) ans Herz legen, das uns auch bei diesem Artikel als Quelle diente. Die Autorin forscht seit vielen Jahren zum Thema "Einzelkinder" und räumt in ihrem Buch gnadenlos mit den schnöden Vorurteilen auf, und viele Forschungsergebnisse geben ihr Recht. Also keine Bange, falls auch Sie Eltern eines Einzelkindes sein sollten oder sogar selbst eines sind: Selbst wenn sich auch weiterhin die Vorurteile gegenüber Einzelkindern in der Gesellschaft hartnäckig halten, Sie wissen es nun besser!

Quellen und Bildrechte:

  • Fotos: 1. Pixabay, 2. Ueli Gubler / 3. Günter Havlena / beide www.pixelio.de

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