Aktuelle Zahlen aus der Pisa-Studie 2003 belegen: Deutschlands Schulen sind in Sachen Chancengleichheit mangelhaft.
Deutschland und die Pisa-Studie - eine Fortsetzungsgeschichte ohne Happyend. Jetzt sind weitere Daten aus dem zweiten Pisa-Bundesländer-Vergleich bekannt geworden. Hat sich auch das Leistungsniveau vieler Schüler seit der Studie 2000 verbessert, gibt es doch Zahlen, die für Unruhe in Schulen, bei Eltern und Politikern sorgen.
Kein Geld, kein Abitur
Die zentrale Aussage: In Deutschland entscheidet immer stärker die soziale Herkunft über den Schulerfolg. Insgesamt ist der Wissensvorsptung der 15-jährigen Schüler aus so genannten Oberschicht-Elternhäusern (dazu zählen Akademikereltern und Führungskräfte) im Vergleich zum ersten Test aus dem Jahr 2000 deutlich gewachsen. In Mathematik und Naturwissenschaften sind diese Schüler den Gleichaltrigen aus Arbeiterfamilien im Bundesdurchschnitt mehr als 100 Punkte voraus. Das entspricht einem Lernfortschritt von mehr als zwei Schuljahren. Die Folge: Ein Schüler aus gut verdienendem Elternhaus und mit lerngünstigem Umfeld hat eine viermal so große Chance, dass Gymnasium zu besuchen und damit das Abitur zu schaffen.
Die Bayern sind die Letzten
Zwischen den einzelnen Bundesländern gibt es deutliche Chancen-Unterschiede. In Bayern ist der Studie zufolge die Chancenungleichheit zwischen Ober- und Arbeiterschichtkindern besonders stark ausgeprägt. Dort haben die Schüler aus den besser gestellten Haushalten eine 6,65 mal größere Chance, das Abitur zu erlangen. Nur 21,6 Prozent eines Jahrgangs erreichen in Bayern den höchsten Schulabschluss, bundesweit schaffen das immerhin 27 Prozent.
In Punkto Chancengleichheit sieht es auch in Nordrhein-Westfalen nicht gut aus. Dort haben Kinder aus Oberschichtfamilien eine 4,35 mal größere Abiturchance. Das entspricht ungefähr dem Bundesdurchschnitt. Vor dem Hintergrund, dass aber gerade in NRW die Gründung von Gesamtschulen vorangetrieben wurde mit dem Ziel, Schulerfolg und soziale Herkunft zu entkoppeln, ist diese Zahl eine herbe Niederlage für die Bildungspolitik des bevölkerungsreichsten Bundslandes. Verhältnismäßig gut schneidet bei diesem Vergleich das Land Sachsen ab. Der Chancen-Vorsprung für Kinder aus reicheren Familien ist dort 2,79 mal größer (alle Länder im Vergleich).
Mehr Chancengleichheit - aber wie?
Kaum wurden die neuen Zahlen der Pisa-Studie (erhoben 2003 in über 1500 Schulen und unter rund 45.000 Schülern) bekannt, meldeten sich Experten und Politiker mit Lösungsvorschlägen zu Wort. Vieles ist vertraut und bei weitem nicht alles taugt, das Problem Chancenungleichheit zu lösen.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert den Ausbau von Ganztagesschulen und frühkindlicher Bildung. Außerdem müsse sich Deutschland auf den Weg zu einem integrativen Schulsystem machen, meint GEW-Chef Ulrich Thönne. Soll heißen: Das gemeiname Lernen von Schülern unterschiedlicher Voraussetzungen und Fähigkeiten soll zur verbindlichen Unterrichtsform werden.
Der Bundeselternrat sieht vor allem die Lehrer in der Pflicht. Die müssten lernen, Schüler individuell wahrzunehmen, fordert Elternrats-Vorsitzender Winfried Steinert. Mehr noch: "Lehrer müssten das Exemplar lebenslangen Lernens verkörpern."
Die Integrationsbeaufragte der Bundesregierung Marieluise Beck betont in diesem Zusammenhang die Probleme der Einwandererkinder, die an bundesdeutschen Gymnasien unterrepräsentiert sind und daher unterdurchschnittliche Abiturientenzahlen aufweisen. Beck fordert eine frühe und individuelle Unterstützung sowie eine durchgehende Sprachförderung der Kinder aus Migrantenfamilien.
Bemerkenswert ist an der aktuellen Debatte, das sich Politiker verschiedener Parteien in ihren Positionen anzunähern scheinen. Der CDU-Bildungsexperte Robert Heinemann etwa zweifelt an dem Nebeneinander von integriertem und gegliedertem Schulsystem. Die Grüne Christa Goetsch meint, dass Deutschland mit dem gegliederten Schulsystem (sprich: Haupt-, Realschule, Gymnasium) "bildungsmäßig, sozial und ökonomisch ins Abseits" gerät. Die SPD-Bildungsexpertin Britta Ernst sieht sich durch die jüngsten Zahlen in ihrer Forderung nach Abschaffung der Hauptschule bestätigt.
Einzig der Deutsche Philologenverband (die Interessenvertretung der Gymnasiallehrer) zieht andere Schlüsse aus der Pisa-Studie. Deren Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger meint, es sei nicht entscheidend, wie viele Arbeiterkinder den Weg ins Gymnasium schafften, sondern in welcher Schulform sie am besten gefördert werden könnten. Es komme nicht darauf an, großzügig Abschlusszeugnisse an alle zu verteilen, sondern darauf, dass alle Schüler optimal gefördert werden.
Insgesamt besser als 2000
Im Vergleich zu Pisa 2000, das seinerzeit einen Schock unter Bildungspolitikern, Lehrern und Eltern ausgelöst hatte, stellen die Autoren der Studie heute jedoch "bemerkenswerte Fortschritte" fest. Kein einziges Bundesland schneidet bei Pisa 2003 schlechter ab als bei der Vorgängerstudie. Leistungs-Spitzenreiter Bayern schafft den "Anschluss an die internationale Spitzengruppe in allen Kompetenzbereichen". Anderen ehemals schlecht platzierten Bundesländern wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Bremen gelang ein deutlicher Sprung nach vorn.