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Unterrichtsausfall - muss das sein?

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ImageAn deutschen Schulen fällt mehr Unterricht aus, als Schulbehörden und Bildungsministerien glauben machen wollen. Eine Wiesbadener Schule geht erfolgreich gegen das Problem an - ohne mehr Lehrer zu beschäftigen.

Kurz nach den Sommerferien in der 6. Klasse einer Hamburger Gesamtschule: Die Kunstlehrerin ist vier Wochen wegen Krankheit abwesend, die Englischlehrerin zwei Wochen, die Klassenlehrerin, die Deutsch, Biologie und Religion unterrichtet, fällt ebenfalls zwei Wochen aus. Vertretungsstunden gibt es nur sporadisch, häufig endet der Unterricht bereits nach vier Stunden, normal wären sechs bis sieben. Dennoch werden in der vorletzten Woche vor den Herbstferien vier Arbeiten geschrieben, auch in den vom Ausfall betroffenen Fächern.

Ein schlimmer Ausfall, aber kein Einzelfall - der Deutsche Philologenverband schätzt, dass bis zu zehn Prozent der Unterrichtsstunden in Deutschland ausfallen. Anders ausgedrückt: Wer zehn Jahre die Schulbank gedrückt hat, hat davon unter Umständen ein volles Jahr ohne Unterricht verbracht! Diese Zahlen sind allerdings umstritten.

Die von den Schulbehörden und Ministerien der Länder ermittelten Daten sehen anders aus - weil in den Amtsstuben anders gezählt wird. In den offiziellen Statistiken beschränkt man sich nämlich darauf, den so genannten strukturellen Unterrichtsausfall zu registrieren. Bedeutet: Es werden lediglich die Ausfallstunden gewertet, die durch unbesetzte Lehrerplanstellen verursacht werden. Auf diese Weise kommen die Länder auf ganz andere Ausfallquoten. So beziffert Brandenburg den Unterrichtsausfall mit 2,3 Prozent, Thüringen mit vier Prozent, Nordrhein-Westfalen meldet für das Jahr 2003 ebenfalls vier Prozent. Für Hamburg liegen nur Zahlen für das Jahr 1999 vor (3,1 Prozent) - die Schulbehörde hat es seitdem schlicht nicht mehr für nötig befunden, den Unterrichtsausfall zu erfassen.

Zur Klarheit: Diese Zahlen beinhalten nicht den Ausfall durch erkrankte Lehrer, Schulveranstaltungen, Fortbildungen und Prüfungen. Wer unsere Schulen kennt, weiß aber: Gerade aus diesen Gründen fällt der Unterricht häufig aus.

Der Deutsche Philologenverband fordert eine Erhöhung der Lehrerplanstellen um fünf Prozent - so hätten die Schulen eine Reserve, den Ausfall auszugleichen. Eine Forderung, die angemessen klingt, aber doch zu kurz gedacht ist und Geld kostet. Bei der angespannten Lage der öffentlichen Haushalte dürfte kein Länderfinanzminister bereit sein, mehr Lehrer zu bezahlen. Das Entscheidende: Das Problem Unterrichtsausfall ist mit Geld allein sowieso nicht zu lösen.

Der Krankenstand deutscher Lehrer ist außergewöhnlich hoch. Er ist mit etwa 8,5 Prozent dreimal höher als bei anderen Arbeitnehmern. Naheliegend, dass eine Senkung dieser Quote auch weniger Unterrichtsausfall bedeutet.

ImageDie Helene-Lange-Schule in Wiesbaden hats vorgemacht. An der integrierten Gesamtschule wurde die Arbeit der Lehrer neu organisiert - mit verblüffenden Ergebnissen. Die Lehrer unterrichten mit möglichst allen Stunden in einem Team von acht Kollegen einen ganzen Jahrgang. Statt mit 300 bis 400 Schülern haben es die Lehrer jetzt nur noch mit 50 bis 100 zu tun, die sie in der Regel auch bis zur 10. Klasse begleiten. Die Lehrer unterrichten nicht mehr nur Fächer, sondern in erster Linie Schüler.

Nebeneffekt der Reform: Der Krankenstand der Lehrer an der Helene-Lange-Schule hat sich halbiert. Weil die Lehrer enger zusammenarbeiten, ihre Schüler besser kennen und so ein Arbeitsklima entsteht, das offenbar weniger krank macht. Diese Schule hat beim Pisa-Test übrigens als beste deutsche Schule abgeschnitten.