|
|
 |
|
|
|
 |
 |
 |
 |
Wenn Eltern krank werden...
|
|
|
|
|
Seite 1 von 2 Gemeint ist nicht eine Erkältung oder ein kurzer Krankenhausaufenthalt, weil der Blinddarm raus muss. Wir sprechen hier von einer anderen Krankheit, wie z.B. psychisch krank sein, zu viel zu trinken, depressiv sein oder Medikamentenmissbrauch. Dann leiden natürlich auch die Kinder, und über die wollen wir hier schreiben...
Wenn Eltern oder ein Elternteil krank werden, werden Kinder häufig übersehen. Alles dreht sich um die Erkrankten, dabei leiden die kleinen Seelen unübersehbar mit. Statt beschützt und behütet zu werden, sind sie oft auf sich alleine gestellt und müssen schon früh die Aufgaben von Erwachsenen übernehmen. Das beeinflusst entscheidend ihr Aufwachsen und das spätere Erwachsensein. Sie geraten in heftige Loyalitätskonflikte, wenn sie das „Familiengeheimnis“ offenbaren. An wen sollen sie sich wenden, wem können sie sich anvertrauen, wenn schon die nächsten Bezugspersonen nicht ansprechbar sind? Sicherlich muss man zwischen den verschiedenen Situationen unterscheiden: Kinder depressiver Eltern oder z.B. Kinder trinkender Eltern müssen sich teils mit unterschiedlichen Verhaltensweisen der Erkrankten auseinandersetzen.
Wie reagieren Kinder auf solch eine familiäre Situation? Die Kinder leiden in der Regel sehr unter den Verhältnissen von Instabilität, emotionaler Kälte, Willkür, unklaren Grenzen, Respektlosigkeit, mangelnder Förderung und mangelndem Interesse. Sie befinden sich nicht selten in einer Zwickmühle: So lieben sie einerseits ihre Eltern, andererseits werden sie aber nahezu permanent enttäuscht und verletzt. Ihre Ablehnung innerhalb der Familie kann sich außerhalb der Familie fortsetzen, wenn sie aufgrund ihres auffälligen Verhaltens von Gleichaltrigen oder Erwachsenen gemieden werden. Was tut ein Kind, wenn es von seinen Eltern kaum Wärme, Liebe, Schutz, Stabilität, Förderung, Interesse und Respekt bekommt? Nun, das kann ganz unterschiedlich sein: Das eine, meist älteste Kind, versucht, der häuslichen Willkür durch aktives Engagement entgegenzutreten, es wird früh selbstständig und strebt nach Verantwortung, es schützt sich vor Gefühlen von Angst und Hilflosigkeit durch aktives Handeln, benötigt jedoch den Erfolg von außen, um sich wertvoll und angenommen zu fühlen. Das andere neigt zu Rebellion, Auflehnung, Trotz, Feindseligkeit, Wut und niedrigem Selbstwertgefühl. Nicht selten kommt es mit dem Gesetz in Konflikt und nimmt schon früh Alkohol oder illegale Drogen zu sich. Eine weiteres Verhalten kann der Rückzug in die eigene Welt sein. Dieses Kind eckt nicht an, ist unauffällig, einsam und fühlt sich bedeutungslos. Daher bekommt es wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung, allenfalls für sein „braves Verhalten“. Es leistet keinen Widerstand, geht Konflikten meist aus dem Weg, wirkt unsicher, hilflos und zeigt Kontaktschwierigkeiten. Zuletzt gibt es den „Clown“. Das meistens jüngste Kind ist komisch, lustig, unterhaltsam und bekommt durch seine aufgeschlossene Art viel Aufmerksamkeit. Andererseits wirkt es unreif, ängstlich und wenig belastbar. Klar ist, dass jede dieser Rollen eine Art Anpassung darstellt, mit der Situation umzugehen.
Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder Nur, weil sich ein Kind nach einem bestimmten Rollenmuster verhält, kann ihn dies nicht vor seelischen Problemen schützen. Gegenüber Gleichaltrigen kann festgestellt werden, dass sie z.B. ... ... bei Intelligenztests oft schlechter abschneiden und auch in ihrem sprachlichen Ausdruck weniger weit entwickelt sind; ... in der Schule häufiger unangemessenes Verhalten zeigen und insgesamt weniger leistungsfähig bzw. leistungsbereit sind; ... eher hyperaktives Verhalten und Aufmerksamkeitsstörungen zeigen; ... häufiger unter Ängsten und depressiven Symptomen leiden; ... öfter sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind; ... eher zu somatischen und psychosomatischen Symptomen neigen.
Auch die Auswirkungen auf das spätere Erwachsenenalter ist enorm. Am Beispiel eines Erwachsenen aus alkoholbelasteten Familien wird deutlich, wie solche Lebensumstände das spätere Verhalten prägen. So kann z.B. beobachtet werden, dass dieser ... ... keine klare Vorstellung davon hat, was „normal“ ist; ... Schwierigkeiten hat, ein Vorhaben von Anfang bis Ende durchzuführen; ... lügt, wo es ebenso leicht wäre, die Wahrheit zu sagen; ... sich gnadenlos verurteilt; ... nicht einfach mal so Spaß hat; ... sich nicht sehr ernst nimmt; ... Schwierigkeiten mit intimen Beziehungen hat; ... eine Überreaktion bei Veränderungen zeigt, auf die er keinen Einfluss hat; ... ständig nach Anerkennung und Bestätigung sucht; ... meistens das Gefühl hat, anders zu sein als andere Menschen; ... entweder übertrieben verantwortlich oder total verantwortungslos ist; ... auch dann extrem zuverlässig ist, wenn jemand diese Zuverlässigkeit offensichtlich gar nicht verdient; ... häufig impulsiv reagiert und dazu neigt, sich in Verhaltensweisen festzurennen, ohne alternative Handlungsmöglichkeiten oder evtl. Konsequenzen ernsthaft zu bedenken.
Kinder nicht außen vor lassen! Oft ist es nicht leicht, den Kindern die nötige Unterstützung zukommen zu lassen, die sie benötigen, um mit der Situation klarzukommen. Denn meist ist niemand für die Kleinen da, da der erkrankte Elternteil entweder Fremde nicht ins Haus lässt oder Hilfe nicht annehmen will, schon gar nicht für die Kinder. Die Angst, das Jugendamt könnte die Kinder wegnehmen, ist allzu groß – und nicht immer ganz unberechtigt. Erst später, wenn die Töchter und Söhne auf der Schwelle zum Erwachsenenwerden stehen, suchen diese von sich aus in der Regel Hilfe, weil die Kraft erschöpft ist. Umso wichtiger ist es daher, dass Kinder mit Problemen, die sie betreffen, konfrontiert werden, damit sie sich damit auseinandersetzen können. Den Kindern helfen heißt: Enttabuisieren – entdramatisieren – entlasten!
Prävention ist die Devise Bis heute ist es schwierig, eine stabile Finanzierung für Präventionsprojekte zu erreichen. Als hinderlich erweist sich dabei, dass in Deutschland die Gesundheitsfürsorge und die Jugendhilfe aus getrennten finanziellen „Töpfen“ gespeist werden, so dass die Gefahr besteht, dass sich beide Hilfssysteme aus der Verantwortung ziehen. Zudem werden Kinder im Bereich der psychiatrich-psychotherapeutischen Versorgung gegenüber Erwachsenen immer noch benachteiligt, so dass viel zu wenige qualifizierte Kindertherapeuten in der ambulanten Versorgung zur Verfügung stehen. Und das größte Übel besteht darin, dass das System der Gesundheitsversorgung in Deutschland erst dann wirklich aktiv wird, wenn schon gesundheitliche Schädigungen eingetreten sind. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für eine effektive Prävention fehlen einfach. Auch die Potenziale der Selbsthilfe der Familien bedürfen einer weiteren Förderung, um auch auf die Probleme der Kinder als Angehörige besser eingehen zu können.
Auf der nächsten Seite: Schlaue Bücher können helfen!
<< Anfang < Vorherige 1 2 Nächste > Ende >>
|
|
 |
 |
 |
 |
 |
|
|
|