Überall, wo Menschen zusammentreffen, gibt es hin und wieder Konflikte, Streitigkeiten und Reibereien. Der Arbeitsplatz bildet da keine Ausnahme. Oft steht dort der Einzelne Gerüchten, Respektlosigkeiten und Schikanen machtlos gegenüber, und die Gesundheit leidet...
Nicht immer sind Konflikte schlecht. Auch wenn sie meist mit Ärger verbunden sind, so können sie doch sehr nützlich sein. Denn sie zeigen uns, dass an einer bestimmten Stelle etwas nicht in Ordnung ist. Konflikte verlangen nach einer Lösung, man kann aus ihnen lernen, das eigene Verhalten überdenken und ggf. korrigieren und es kann dadurch sogar zu Verbesserungen kommen. Dafür ist es jedoch nötig, dass man sich den Konflikten stellt. Viele Menschen gehen ihnen aber aus dem Weg und ignorieren sie so lange, bis sie eine kritische Grenze überschritten haben. Ist diese erst einmal erreicht, ist es in der Regel viel schwieriger, den Konflikt beizulegen. Manchmal läuft der Konflikt dann völlig aus dem Ruder, und die Auseinandersetzung artet zum reinen Psychoterror aus. Wenn es nur noch darum geht, den anderen zu schädigen, ist eine neue Stufe erreicht: das Mobbing.
Woher kommt der Begriff Mobbing bzw. was genau bedeutet er? Das Wort „Mobbing“ ist aus dem bundesdeutschen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken. Zurückzuführen lässt sich der Begriff letztendlich auf die lateinische Sprache – „mobile vulgus“ bedeutet „wankelmütige Masse, aufgewiegelte Volksmenge“. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989) prägte zwar den Begriff „Mobbing“, der die Gruppenangriffe von unterlegenen Tieren, um einen an sich überlegenen Gegner zu verscheuchen definierte, seine besondere Bedeutung erfuhr er jedoch erst durch Heinz Leymann (1932-1999). Der schwedische Arbeitspsychologe definierte „Mobbing“ wörtlich so:
„Unter Mobbing wird eine konfliktbelastete Kommunikation am Arbeitsplatz unter Kollegen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen verstanden, bei der die angegriffene Person unterlegen ist und von einer oder einigen Personen systematisch, oft und während längerer Zeit mit dem Ziel und/oder dem Effekt des Ausstoßes aus dem Arbeitsverhältnis direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet.“
Leider hat der Begriff „Mobbing“ inzwischen eine höchst inflationäre Verwendung erfahren. Gerne wird er als Allerweltsbegriff für Konflikte und rücksichtslose sowie egoistische Verhaltensweisen benutzt. Ein kleiner Streit, eine etwas lautere Auseinandersetzung oder ein falsches Wort und schon fühlt sich der eine oder andere gemobbt und ruft nach dem Betriebsrat. Doch hier muss genau unterschieden werden...
Wie äußert sich Mobbing? Es gibt unzählige Möglichkeiten, jemanden zu mobben bzw. „fertig zu machen“. Während Heinz Leymann erst dann von Mobbing sprechen würde, wenn sich die Verhaltensweisen bereits über ein halbes Jahr hinziehen, ist es heutzutage durchaus berechtigt von zumindest einem Mobbingverdacht zu sprechen, wenn solche Vorfälle wiederholt beobachtet werden. Im „Mobbing-Report“ (2002), einer Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland, wurde genau analysiert, wie häufig welche feindlichen Handlungen in der Regel ausgeführt werden. Heraus kam z.B., dass knapp jede/r vierte Betroffene täglich und annähernd jede/r Dritte mehrmals in der Woche gemobbt wird. Außerdem konnte – differenziert nach Häufigkeit – dank einer telefonischen Befragung (2001) ermittelt werden, welche Art von Übergriffe im Schnitt stattfinden. Hier die Top 10: Gerüchte/Unwahrheiten 61,8 %, Arbeitsleistungen falsch bewertet 57,2 %, Sticheleien/Hänseleien 55,9 %, Verweigerung wichtiger Informationen 51,9 %, Arbeit massiv, ungerecht kritisiert 48,1 %, Ausgrenzung/Isolierung 39,7 %, als unfähig dargestellt 38,1 %, Beleidigungen 36,0 %, Arbeitsbehinderung 26,5 % und Arbeitsentzug 18,1 %.
Welche Auswirkungen hat Mobbing auf die/den Betroffene/n? Wer gemobbt wird, wird zunächst versuchen, sich verbal wehren und eine Aussprache anstreben. Oder das Mobbingopfer weicht der Situation aus, was in der Regel die Situation nur weiter verschärft. Manche suchen den Kontakt zum Vorgesetzten (falls dieser nicht selbst der Mobber ist) oder beschweren sich beim Betriebs- bzw. Personalrat. Soweit dies erfolgreich ist, hört das Mobbing auf. Haben die Gegenmaßnahmen und Versöhnungsversuche hingegen keinen Erfolg, beginnt der „Leidensweg“ des Mobbingbetroffenen. Er fühlt sich beispielsweise ständig angegriffen, bloßgestellt, gedemütigt sowie ungerecht behandelt. All dies verursacht Stress. Der wiederum hat oftmals Schlafstörungen, Albträume, Kopfschmerzen, Magen- und Darmbeschwerden, Niedergeschlagenheit, Gereiztheit sowie Appetitlosigkeit zur Folge, wobei die feststellbaren psychosomatischen Störungen von Person zu Person höchst unterschiedlich sein können. Psychische und psychosomatische (und vermittelt darüber körperliche) Erkrankungen sind regelmäßig die Folge von Mobbing. Oftmals gesellt sich der Missbrauch von Medikamenten und Alkohol hinzu. Aber auch ein Herzinfarkt sowie eine Krebserkrankung können die Folge von Mobbing sein. Manchmal bildet der Suizid bzw. Suizidversuch das letzte Glied in der Reihe möglicher Auswirkungen von Mobbing. Für dieses sich entwickelnde Krankheitsbild gibt es einen Namen: das posttraumatische Stresssyndrom (PTSD).
Warum wird gemobbt? Die Ursachen für Mobbing sind äußerst vielfältig, höchst individuell und reichen von Missgunst, Neid und Konkurrenzdenken über die Unsicherheit um die eigene Stellung am Arbeitsplatz bis hin zum geplanten Stellenabbau mittels Mobbing. Gerade Beschäftigte, die man wegen der Geltung besonderer Schutzvorschriften nur äußerst schwer entledigen kann, müssen vermehrt unter Mobbing leiden. Dazu zählen etwa Betriebs- und Personalratsmitglieder, Schwangere, Beschäftigte in Elternzeit und Schwerbehinderte. Zudem kann dank Mobbing kostengünstig Personal abgebaut werden. Schließlich erhält i.d.R. derjenige keine Sozialplanabfindung, der seinen Arbeitsplatz selbst räumt. Wer kündigt, verliert zudem die Möglichkeit, eine Kündigungsschutzklage zu erheben. Doch auch der Mobbingbetroffene kann mitverantwortlich sein und muss sich die Frage gefallen lassen, ob nicht auch seine Überforderung, Selbstwertprobleme, Krankheiten, Leistungsprobleme oder einfach seine soziopathische Persönlichkeitsstruktur ein Auslöser des Mobbings gewesen sein könnte.
Was kann ein Mobbingopfer tun? Ist das Mobbing einmal da, gelingt es nur selten, es im Alleingang zu bewältigen. Durch Mobbing wird das menschlich zentrale Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, Sicherheit und Integration (Dazugehörigkeit) angegriffen. Deswegen besteht die allerwichtigste Gegenmaßnahme darin, soziale Unterstützung zu gewinnen. Moralische Unterstützung durch Familienmitglieder und Freunde im privaten Umfeld und wohlgesonnene Arbeitskollegen, Vorgesetzte oder Mitglieder im Betriebs- bzw. Personalrat sowie in der Schwerbehindertenvertretung helfen da sehr. Ein besonders wichtiger Partner für Mobbingbetroffene ist die betriebliche Interessensvertretung, weil sie den gesetzlichen sowie betriebspolitischen Auftrag hat, den Schutz eines jeden einzelnen Beschäftigten zu gewährleisten (§ 75 Abs. 1 BetrVG, § 67 Abs. 1 BPersVG). Immerhin greift Mobbing ja nicht nur die soziale Lage eines Opfers an, sondern auch seine wirtschaftliche Existenz bzw. die ganzer Familien. Auf keinen Fall sollte man sich scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wer Beschwerden hat, sollte zum Arzt gehen, um mögliche gesundheitliche (Langzeit-)Schäden vorzubeugen. Auch ein Therapeut, eine Selbsthilfegruppe oder eine Mobbingberatungsstelle kann äußerst hilfreich sein. Natürlich kann man auch rechtliche Schritte unternehmen. Bevor man diese jedoch auch nur in Erwägung zieht bzw. androht, sollte man sich mit einem Anwalt besprechen oder juristischen Rat einholen. Nicht selten ist es nämlich so, dass ein Fall, der dem Betroffenen sonnenklar zu sein scheint, vor Gericht ganz anders beurteilt wird, weil die Schuld nicht zweifelsfrei erwiesen ist. Und bei Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz ist das meist recht kompliziert.
Buchtipps: „Mobbing: Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann“ von Heinz Leymann (Rowohlt Tb.; Taschenbuch, ISBN: 978-3-4991-3351-0, 6,90 Euro) „Mobbing: Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessenvertretung“ von Axel Esser und Martin Wolmerath (Bund-Verlag, broschiert, ISBN: 978-3-7663-3846-4, 16,90 Euro)
Links: Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing e.V. (VPSM) Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) Mobbing in der Schule - Infos beim Online Familien-Handbuch Fotos: 1. B.Stolze, 2. Gerd Altmann – beide Pixelio; Abbildungen aus dem Buch „Mobbing: Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann“
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